Missbrauch – doch die Masse schweigt

05.04.10

Wie weit es mit dem menschlichen Gesellschaftskreislauf bergab gegangen ist, kann man am besten am derzeit aktuellen Thema Missbrauch erkennen. Anfangs vielfach unter Bürgern diskutiert, haben diese nun scheinbar wieder das Interesse daran verloren, wirklich ein Zeichen gegen diese Entwicklung zu setzen. Mitunter kann man annehmen, dass wohl scheinbar das Spiel mit der Lust so sehr an Bedeutung gewonnen hat, in der modernen Zivilisationsgesellschaft, dass man nach Moral und Anstand lange suchen kann.  Auch lässt sich bei einem solchen Verhaltensmuster zumindest vermuten, dass diese Grausamkeiten längst auch Einzug erhalten haben, unter so manchen privaten Dächern.


Anfangs Einzelfälle der Vergangenheit – jetzt Massenflut bis heute

Wir erinnern uns an die Anfänge dieses Skandals, welcher an die Öffentlichkeit geraten ist. An einer Eliteschule des Jesuitenordens in Berlin wurde sich über mehrere Jahre hinweg an jungen Menschen vergriffen. Kaum in der Zeitung zu finden, ging ein Aufschrei durchs Land, dass man dies so nicht hinnehmen kann, und doch hat keiner die Frage gestellt: warum werden diese Vorfälle erst jetzt bekannt? Haben wir als Gesellschaft nicht versagt, wenn solche grausamen Handlungen sich so lange im Verborgenen hüllen konnten?

Damit nicht genug, denn neben der Jesuitenschule, der Odenwaldschule und diversen allgemeinen Vorfällen von körperlichen und sexuellen Missbrauch, welche die katholische Kirche zu verantworten hat, wie zum Beispiel die 27 Priester aus dem Bistum Trier, gibt es inzwischen weitere Vorfälle, die bekannt wurden. Im Internat Salem ist es im Jahr 2004 ebenfalls zu einem sexuellen Übergriff durch eine Lehrperson an einen Schüler gekommen. Des Weiteren wurde jetzt bekannt, dass es auch in Kinderheimen der ehemaligen DDR zu massiven Übergriffen gekommen sein soll: die Dunkelziffer wird hier dramatisch hoch geschätzt. Bisher haben sich 25 ehemalige Insassen aus den ehemaligen DDR Heimen gemeldet, welche zu Opfer wurden.

Dachte man anfangs noch, dass es sich hier um Taten handelt, die viele Jahre zurückliegen, so wird immer deutlicher, dass diese Vorfälle bis in die Gegenwart reichen.  Einfach unglaublich, wie viele Fälle auffliegen. Verwunderlich ist es da auch nicht mehr, dass selbst die Gegenwart von solchen grausamen Taten geprägt ist: erst kürzlich erschien ein Artikel, demzufolge eine Wachkomapatientin in einer Caritas Einrichtung im Landkreis Ludwigshafen vergewaltigt und dadurch auch noch schwanger wurde. Hier kann einem nur noch schlecht werden, bei so viel Unmenschlichkeit, Ignoranz und Perversitäten. Wer glaubt, dass das schon alles sei, der irrt gewaltig, denn auch im Kloster Metten wurden Missbrauchsvorfälle aus dem Jahr 2007 bekannt.


Keiner spricht mehr über die Gegenwart – jeden Tag neue grausame Vorfälle

Mal wieder ist leider auch bei diesem Thema zu erkennen, dass man mit diesen öffentlichen Vorfällen wohl auch die Gegenwart der Alltagsgrausamkeiten überspielt. Immer öfter werden Neugeborene von ihren Eltern „entsorgt“, getötet oder körperlich misshandelt. Was ist mit den Vorfällen in Familien? Was kommt an öffentlichen Schulen noch ans Tageslicht? Wer spricht von den Sexualstraftätern, die Kinder auf offener Straße abfangen? Wer erwähnt die Gewalt unter Menschen allgemein, die zu solchen brutalen Vorfällen führt? Niemand, denn alle wollen nichts damit zu tun haben und weisen die Schuld in einer nicht mehr nachvollziehbaren Ignoranz von sich: so lange sie selber nicht betroffen sind, ist ihnen vollkommen egal geworden, was mit ihren Mitmenschen passiert. Auf Statistiken beziehen sich sämtliche Artikel der Medienlandschaft, doch dieser Artikel nicht, denn jedes Opfer ist zu viel. Hinter verschlossenen Türen kommt es Tag für Tag zu solchen Vorfällen, und so ist ein ganz dunkler Gesellschaftsverlauf erkennbar.


Menschliche Gefühle unterdrückt – die Quittung für die Funktionsroboterwelt

Verwunderlich ist das alles nicht mehr, denn unser gesellschaftlicher Kreislauf, dieses künstliche Leben hat genau diese kranke Entwicklung ermöglicht. Immer mehr wurde auf Perfektion gesetzt, auf Leistung und Status, und nie ist es genug. Der Mensch muss immer noch mehr leisten und erreichen und erkennt nie das gesunde Mittelmaß. So wurden Menschen im Laufe der Zeit als Verlierer dargestellt, die noch Gefühle zeigen konnten und ihre Emotionen nicht verheimlichten. Wer das Tempo und die Härte des Mainstreams nicht halten kann, wird vom Rest der Gesellschaft ausgegrenzt. Man hat ein Verlierer- und Gewinnersystem erschaffen und damit Benzin ins Feuer gegossen. Dabei verkennt man vollends, dass jene, die heute Gewinner sind, morgen auch schon zu den Schwachen gehören können. Inzwischen kann man schon von einer teilweise seelenlosen Gesellschaft sprechen, denn es wird aus Prinzip nur noch oberflächlich gelebt, sich gegenseitig erniedrigt und Wert gelegt auf Material, auf etwas was vergänglich ist. Gucken Sie sich doch mal an, woraus Gewalt in der Ehe entstanden ist? Warum Eltern zu Monstern werden können? Weshalb sich jeder selbst der Nächste ist? Kaum jemand kommt noch mit diesen selbst erschaffenen künstlichen Druck klar, die Energie des natürlichen Kreislaufs wird nicht mehr im Herzen aufgenommen, und tiefe Gefühle sind nicht erwünscht und werden unterdrückt. Bedingt durch diese Faktoren gerät der Mensch in einem dauernden Stresskreislauf, verspürt Leere in der Seele und erkennt sich selbst nicht mehr, da er die menschlichen Werte der Natur abgelegt hat. Niemand nimmt einem die Freude am Leben, außer man sich selber, nämlich genau dann, wenn man bei Ungerechtigkeit weiterhin schweigt. Menschen könnten sorgenfrei und in Harmonie miteinander leben, ohne Gier, ohne Gewalt, und doch wird genau dies leider wohl nur ein Traum weniger freier Denker bleiben. Selbst steht sich der Mensch im Wege, verbaut sich sein Glück, lässt solch grausame Taten entstehen und merkt nicht mal, dass er selbst damit das Benzin eines Feuers ist, welches wir bald nicht mehr löschen können.


Ich schließe mit einem eigenen Zitat:

Im ewigen Schleier der Ignoranz gehüllt, gelebt in einer Illusion, gehandelt in einem Irrgarten – niemals erkannt die Gefahr, die Grausamkeit zu Leben in einer Welt der Oberfläche. Der Flächenbrand bereits entfacht, an das Gute wird nimmer mehr gedacht.


Ihr

Joachim Sondern

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